Selbstversuch: fünf Tage ohne Internet

Tag 1: Heute ist der erste Tag meines Selbstversuches. Fünf Tage ohne Internet – das sollte eigentlich zu schaffen sein. Ich gehöre nicht zu diesen Jugendlichen, die sich dem ganzen Tag im Internet rumtreiben. WoW und CSS sind für mich eher Fremdwörter, dank der Kontaktbörse Schule habe ich nicht mal Icq und SchülerVZ und Facebook werden auch mal ein paar Tage ohne mich zurrechtkommen.

E-Mails schreibt mir sowieso keiner. Das einzige, das vielleicht zum Problem werden könnte, sind die Nachrichten und Wetterprognosen. Zwar werden Nachrichten und Wetter zwanzigminütlich im Radio durchgesagt, aber eben nicht dann, wenn ich sie brauche und zuhöre (und leider auch nicht die, die ich haben will… spektakuläre Meldungen auf BILD.de zum Beispiel).

Auch das Wetter wird mir nicht wie auf Wetter.com mit den genauen Grad-Angaben für Schlüchtern, Regenwahrscheinlichkeit in Prozent und Windgeschwindigkeit angesagt. Aber dafür wird sich schon etwas finden, da bin ich mir sicher. Schließlich hat mir keiner verboten fernzusehen… wobei mir einfällt, dass ich die Fernsehzeitung holen muss, weil mein Online-Fernsehprogramm mir heute leider nichts verrät.

Tag 2 Ohne Internet

Tag 2: Hausaufgabe: Recherchiere zum Thema „Wirtschaftliche Schwerpunkte innerhalb der blauen Banane“. Ich bin am zweiten Tag meines Selbstversuches und kurz davor aufzugeben. (Es geht hier schließlich um die Schule!) Wie soll ich bitte an Materialien zur „blauen Banane“ kommen, wenn ich nicht ins Internet kann?

Ich bin mit Internet und Wikipedia sozusagen groß geworden und habe mich mit aufwändigen Recherchemöglichkeiten wie Bibliothek und Lexikon niemals abgeben müssen… Ich beschließe schließlich, meine selbst verhängte Internetsperre nicht zu brechen und muss nach anderen Informationsquellen suchen. Als ich einen zentnerschweren Brockhaus (es handelt sich hierbei um eine fünfzigbändige Lexikonreihe, die ich bis vor kurzem selbst nur aus der Ferne kannte) in mein Zimmer schleppe, komme ich mir vor, als sei ich irgendwo in der Zeit hängengeblieben.

Der mehrseitige Lexikonartikel zur „blauen Banane“ mit geschätzter Schriftgröße 8 bringt mich fast zum verzweifeln: Ich verstehe kein Wort. Könnte ich das Ganze vielleicht in Simple English haben? Da würde ich wahrscheinlich mehr verstehen. Und selbst als ich mir den Text in minutenlanger Arbeit einigermaßen verständlich übersetzt habe, werfen sich noch Probleme auf: Wer druckt mir das jetzt aus? Und wo kriege ich noch Bilder her? Ich vermisse das Internet, ich vermisse Wikipedia und ich schätze, das Erledigen meiner Hausaufgaben wird noch ein paar Tage warten müssen.

Selbstversuch: Tag 3 ohne Internet

Tag 3: Ich komme zu der Erkenntnis, dass ohne Internet gar nichts läuft. Man kann schließlich nicht verlangen, dass Jugendliche heute noch Terminkalender mit Geburtstagen führen. Ich jedenfalls bin da auf SchülerVZ angewiesen, das mir regelmäßig Nachricht erstattet („Netti hat Geburtstag: in 2 Tagen!“), wem noch gratuliert werden muss, und musste heute feststellen, dass ich auch darauf in den letzten beiden Tagen verzichtet habe. Und natürlich hatte jemand Geburtstag, dem man wohl hätte gratulieren sollen, und natürlich habe ich es vergessen… Ich hoffe nur, dass in den nächsten beiden Tagen nichts Wichtiges ansteht, über das ich Bescheid wissen müsste, denn irgendwie fühle ich zur Zeit etwas abgeschnitten von der Außenwelt.

 Tag 4 – Bücher und der Goldpreis

Tag 4: Ohne Internet bleibt mir tatsächlich unglaublich viel Zeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Mir war gar nicht bewusst, wie lange ich jeden Tag vor meinem Laptop sitze. Und so langsam werde ich etwas hippelig. Ich würde wirklich gerne mal wieder nach neuen Bildern im SchülerVZ gucken, E-Mails abfragen, sinnlos rumsurfen. Jeden Tag merke ich ein Dutzend mal, dass ich den Finger schon auf der Einschalttaste meines Laptops habe, um irgendetwas nachzugucken, bis mir einfällt, dass ich nicht ins Internet kann. Ist „Die Herzogin“ eigentlich schon auf DVD erschienen? Ich habe keine Ahnung, aber nachgucken kann ich auch nicht.

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Werden wohl bis übermorgen warten müssen. Der einzige Grund, aus dem ich meinen Laptop überhaupt noch anschalte, ist, um meine trostloses, langweiliges Leben hier zu protokollieren, damit kein Mensch nach mir nochmal auf die Idee kommt, sich für fünf Tage von seinem Internet zu verabschieden. Doch selbst das fällt mir schwer, so ganz auf mich allein gestellt. Schließlich muss ich einiges schreiben und versuche wenigstens, mich nicht allzu oft zu wiederholen und abwechslungsreich zu bleiben, aber einige kurzfristige Schreibblockaden bleiben nun mal nicht aus. Normalerweise ein zuverlässiger Helfer: anderes-wort.de. Ich finde, mein Leben ist ein böser, ewiger Teufelskreis geworden.

Und ich weiß immer noch nicht, ob ich „Die Herzogin“ jetzt ausleihen kann oder nicht.

Tag 5 – Der letzter tag!

Tag 5: Der letzte Tag. Das ist etwas zweideutig, aber es kommt mir eher so vor, als wäre es der letzte Tag dieser Welt (okay, das ist vielleicht ziemlich übertrieben, aber schließlich lebe ich hier seit fünf Tagen ohne Internet und darf zum Abschluss nochmal ein bisschen jammern). Dieser letzte Tag zeigt mir nochmal so deutlich wie möglich wie dominant das Internet in jedem unserer Lebensbereiche ist, damit ich es nur nicht vergesse, denn dieser letzte Tag ist ein Samstag und am Wochenende haben Jugendliche nichts zu tun.

Ich sitze also nach dem Frühstück in meinem Zimmer und überlege, was ich tun kann, ohne meinen Laptop einzuschalten (da wird mir schon was einfallen, immerhin habe ich ja jetzt schon etwas Übung). Das Wetter ist schlecht und es kostet mich kaum Überwindung, anzufangen Mathe zu lernen. Das geht so lange gut, bis sich mir die Frage aufwirft, wie sich „Diskriminante“ eigentlich genau definiert.

Normalerweise würde ich das googlen. Ich finde weder im Mathebuch noch im Duden eine ausreichende Erklärung zu Bedeutung und Anwendung und habe dann irgendwie auch keine Lust mehr zu lernen.

Also setzte ich mich beleidigt aufs Sofa und lese ein Buch.

Was natürlich gerade zufällig englisch ist, was ich natürlich nicht perfekt beherrsche, weswegen ich natürlich ein Fremdwörterbuch oder wahlweise das Internet brauche. Da mir letzteres (wie eventuell schon erwähnt) nicht zur Verfügung steht, kämpfe ich irgendwann mit zwei dicken Wälzern, von dem ich in einem die Seite und Zeile behalten muss, während das andere auch noch gleichzeitig das Beherrschen des Alphabets von mir verlangt. Eine Stunde und fünf Seiten später setze ich mich vor den Fernseher und beschließe, mich den Rest des Tages nicht mehr von dort wegzubewegen.

Ich bin empfehle hiermit allen, niemals in ein Dorf am Ende der Welt zu ziehen, in dem es kein Netz gibt, oder sich zu gefährlichen Selbstversuchen überreden zu lassen, bei denen man ohne die essentiellen Dinge des Lebens auskommen muss. Ich jedenfalls muss zugeben, dass ich mir schon einen Zettel ( ¾ DIN-A-4-Seite) mit den Sachen geschrieben habe, die ich morgen im Internet nachgucken und erledigen muss.

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